Die Fruchtbringende Gesellschaft
Nach dem Vorbild der florentinischen "Accademia della Crusca"
gründeten am 24. August 1617 auf Schloß Hornstein bei Weimar acht
Fürsten und Hofleute die Sozietät der "Fruchtbringenden Gesellschaft"
("Societas fructifera").
"Der Name Fruchtbringend/ darum/ damit ein jeder/ so
sich hinein begiebet/ oder zu begeben gewillet/ anders nichts/ als was fruchtmeßig/
zu Früchten/ Bäumen/ Blumen/ Kräutern oder dergleichen gehörig/
aus der Erden wächset/ und davon entstehet/ ihme erwehlen/ und darneben
überall Frucht zuschaffen äußerst beflissen seyn solle."
(Georg Neumark, Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum, Nürnberg 1668.)
Den "indianischen Palmbaum" wählte die auch "Palmenorden"
genannte Vereinigung als ihr Sinnbild und Erkennungssymbol. "Alles zu Nutzen"
- diesen Leitspruch sahen die "Fruchtbringer" in der exotischen Kokospalme
beispielhaft verwirklicht, deren Früchte und sämtlichen Teile als
nutzbar betrachtet wurden. Neben diesem Sinnbild spielt der Garten, die durch
die Kunst domestizierte Natur, in der Programmatik der Fruchtbringenden Gesellschaft
eine substanzielle Rolle. Der Name der Vereinigung, ihre Symbole und ihr Aufnahmezeremoniell
leben von dem Bedeutungsreichtum des Gartens und der Metaphorik der Pflanzenwelt.
Jedes Miglied erhielt durch den Vorsitzenden einen Gesellschaftsnamen verliehen
und eine Pflanze als Wappenzeichen zugeordnet. Festgehalten wurde dies in dem
Gesellschaftsbuch und in einem so genannten "Gemählde", welches
die Pflanze, das Motto und die in einem "Reimgesetz" erklärten
Eigenschaften der Pflanze zeigte. Diese Elemente zusammen verwiesen auf mögliche
Affinitäten zum Geschick oder Charakter des neuen Mitglieds. Dieserart
stand die neue Pflanze nun neben dem Palmbaum und bereicherte den "Tugendgarten"
der Fruchtbringenden Gesellschaft.
Der bis 1680 bestehenden Societas fructifera traten insgesamt 890 Mitglieder
bei. Die überwiegende Mehrzahl der Mitglieder gehörte dem Adelsstand
an, jedoch war mittels hervorragender poetischer Leistungen auch bürgerlichen
Personen der Zugang zur Gesellschaft möglich. Untereinander redeten sich
die Mitglieder nur mit ihrem Gesellschaftsnamen an. Dieser verliehene Name verhüllte
die unterschiedliche Abstammung und Titel der Mitglieder. In einer Zeit, in
welcher die höfische Gesellschaft durch eine peinliche Beachtung der Standespräzedenzen
und der sozialer Hierarchie bestimmt wurde, formulierte die Fruchtbringende
Gesellschaft als dessen ersten Zweck ein die Unterschiede der Stellung, der
Herkunft, des Alters, der Erziehung, der Konfession und anderer Eigenschaften
überbrückendes zeitgenössisches Verhaltensideal, die Förderung
gesellschaftlicher Tugend und angenehmen Wohlverhaltens. Während der durch
Grausamkeit, Verwüstung von Städten und Ländereien und durch
Verrohrung der Menschen gekennzeichneten Jahrzehnte des Dreissigjährigen
Krieges formulierte damit die Fruchtbringende Gesellschaft Wesenszüge eines
humanistischen Gesellschaftsmodells und nahm damit wichtige Inhalte der Aufklärung
vorweg.
Bekannter als die gesellschaftsreformerischen Ziele der Fruchtbringenden
Gesellschaft sind deren Bemühungen um eine Vereinheitlichung der durch
Dialekte geprägten deutschen Sprache. Rund 200 Jahre vor dem Duden erschien
1666 in Halle "Die deutsche Rechtschreibung" von Christian Gueintz.
Das Manuskript kursierte zuvor innerhalb der Sozietät zur Verbesserung
und Ergänzung und kann in diesem Sinne als Gemeinschaftsarbeit der Fruchtbringenden
Gesellschaft betrachtet werden. (In der Literaturforschung wurde die Gesellschaft
nicht selten auf das Programm einer Sprachgesellschaft reduziert.) Gesellschaftsmitglieder
übersetzten klassische Werke erstmals in die deutsche Sprache und beförderten
damit das Anliegen, die deutsche Sprache überhaupt erst "literaturwürdig"
zu machen. Sie unterstützte das Selbstbewußtsein für eine eigene
Sprache, in der nicht ständig und willkürlich Begriffe durch Fremdworte
ersetzt wurden. Dabei war die Gesellschaft aber eine offene und liberale Vereinigung
mit europäischen Horizont, die sich für fremde Kulturen interessierte
(Mitgliedschaften aus Frankreich, Spanien, Schweden und Schottland sind belegt).
Reiseberichte bildeten ein wichtiges Tätigkeitsfeld.
Geleitet wurde die Gesellschaft bis 1650 von Fürst Ludwig
von Anhalt-Köthen (Der Nährende), der bereits seit 1600 auch Mitglied
der Accademia della Crusca war. Ihm folgte Herzog Wilhelm IV. von Sachsen-Weimar
(Der Schmackhafte) und Herzog August von Sachsen-Weißenfels (Der Wohlgeratene).
Frauen konnten nicht Mitglied werden. In Ausnahmefällen durften sie den
Gesellschaftsnamen des Mannes in weiblicher Form annehmen.
Kommuniziert haben die Mitglieder im Wesentlichen über Briefe. Nur wenige
Treffen im kleinen Kreis zwischen zehn und 15 Personen fanden statt. Ein Treffen
mehrerer hundert, verstreut in Deutschland lebenden Mitglieder wäre zu
der damaligen (Kriegs)Zeit und bei den damaligen Reise- und Korrespondenzmöglichkeiten
wohl auch kaum möglich gewesen.
Bertram Weisshaar
Quellen:
Klaus Conermann, Andreas Herz, Helwig Schmidt-Glintzer, "Die Fruchtbringende
Gesellschaft. Gesellschaftsgedanke und Akademiebewegung", in: D. Döring,
K. Nowak, "Gelehrte Gesellschaften im Mitteldeutschen Raum", 2000;
Wolfgang Adam, "Im Garten der Palme", Ausstellungskatalog, "Im
Garten der Palme", HAB;
Brigitte
Squarr, "Die Fruchtbringende Gesellschaft, Der erste deutsche Sprachverein";
Herzog
August Bibliothek Wolfenbüttel, "Fruchtbringende Gesellschaft. Die
deutsche Akademie des 17. Jahrhunderts", 2001;
Dr. Wolfgang Hirsch, "Fruchtbringer waren nur spirituelle Gemeinschaft",
idw;