Go By Bus


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»Go By Bus« ist eine Fotorecherche zu dem europäischen Busnetz und den Busbahnhöfen. Im Unterschied zu den anderen internationalen Verkehrsnetzen stösst man hier auf weniger Chromglanz und Glamour. Busbahnhöfe prägen nicht selten merkwürdige Situationen. Mitunter erscheinen sie wie urbane Randlagen, selbst dann, wenn sie geografisch nahe dem Stadtzentrum liegen. Und dennoch vermitteln sie den Eindruck, als wären diese Orte ganz nah dran am Alltag des jeweiligen Landes. Diese fotografische Studie von Bertram Weisshaar fokussiert erstmals explizit diesen Bautypus.

Ein weiteres Interesse richtet sich auf die Landschaftsbilder, die die Busreise vermittelt. Bekanntlich bedingt die Art und Weise, wie wir uns durch den Raum bewegen, unser Bild, das wir von diesem erhalten: Die Wahl des Verkehrsmittels reduziert unseren Erfahrungs- und Wahrnehmungsraum auf die Korridore des betreffenden Verkehrsnetzes. Dabei sinkt die Intensität und Dichte der Wahrnehmung proportional zur Geschwindigkeit. Die während der Autobahnfahrt unscharf erhaschten Szenen subsumieren in diesem Sinne zeitgenössische Landschaftsbilder.

Eine mehrwöchige Busreise im Jahr 2009 – ermöglicht durch ein Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen – führte von Deutschland via Wien, Budapest, Lviv, Kiev, Krakau, Warschau bis Paris und markierte den Beginn einer längerfristig angelegten Recherche. Im Sommer 2011 folgte die Etappe von Paris Gallieni nach London Victoria Coach Station, in 2014 ein Besuch des Busbahnhofes Beirut. Gegenwärtig engagiert sich Atelier Latent für ein europäisches Netzwerk mit Fakultäten für Architekturgeschichte. Zu gegebener Zeit werden die Recherchen und Forschungen in einer Publikation und Ausstellung veröffentlicht.

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Busbahnhöfe

Westwärts – Fahrt von Kiev bis Paris


dazwischen
Das Reisen mit dem Bus hat einen wesentlichen Vorteil: Die Reise dauert länger. Die Busreise besteht nicht nur aus der Anwesenheit an den Zielorten, sondern es bleibt auch eine Spur von Eindrücken, dass da auch zwischen diesen noch etwas ist.

 

 

Keine Gesichter
Überraschend viele reisen als einzelne Person. Und so steigen die meisten in den Bus ein in der Hoffnung, ihr Nebenplatz möge leer bleiben. Ein jeder belegt sogleich nach dem Einsteigen den noch freien Sitz neben sich mit persönlichen Dingen. Nicht wenige verteidigen ihr so markiertes Revier zusätzlich durch einen recht unfreundlichen Gesichtausdruck – eine wirkungsvolle Methode um möglichst lange zwei Sitzplätze für sich alleine zu beanspruchen. Fährt der Bus dann endlich los und blieb nur halb besetzt, dann sitzen dreißig Menschen einsam beisammen, jeder hinter seiner selbst gezogenen Grenze verklemmt. Erst nach etwa vier Stunden, wenn die Fahrt um Mitternacht auf irgend einer Raststätte für eine halbe Stunde unterbrochen wird und alle den Bus verlassen müssen, beginnen zaghafte Gespräche. Viele verschiedene Sprachen. Aber doch nur wenig Passagiere sprechen englisch, sprechen vermutlich überhaupt eine zweite Sprache. Und dann geht es auch schon weiter. Jeder drückt sich wieder in den Sitz, will einfach nur, dass es vorbei geht. Entweder man schließt die Augen oder aber schaut irgendwo hin, zur Seite, nur um nicht stundenlang auf den Hinterkopf des Vordermannes glotzen zu müssen. Gesichter? – bleiben keine in Erinnerung.

 

 

Warschau
Mit diesem Busbahnhof fing es an, vor einigen Jahren. Damals kam ich hier an in einer etwas unglücklichen Lage, und auch nur, um so rasch wie möglich die Fahrt mit dem schnelleren Zug fortzusetzen. Von diesem Ort wollte ich nichts, außer schnell und einfach umsteigen, von einem Bus in einen Zug. Aber eben dies war nicht vorgesehen. In meinem Gedächtnis blieb wenig wirklich Konkretes von dieser ersten Begegnung hängen – nur dies ungefähre Bild: Es war einfach nur schrecklich. Und damit war der Keim gelegt für die Idee, mich eingehender mit Busbahnhöfen zu beschäftigen.
Diese Recherche führte mich nun also an diesen Busbahnhof zurück, musste es. Und tatsächlich, wie kaum ein anderer offenbart gerade dieser, wie wenig in heutigen Tagen die Busbahnhöfe als Adresse verstanden werden, wie achtlos mit deren Architektur, die einmal Bedeutung trug, umgegangen wird. Aber er zeigt auch, was man wieder heraus schälen könnte.

 

 

Warschau »Stadion«
Es gibt in Warschau noch einen zweiten, etwas kleineren Busbahnhof, nahe der Baustelle für das neue Stadion. Dessen eigentliches Gebäude ist eingerahmt von Basaren – derart, als wäre es umspült von angeschwemmten Verkaufständen. Aus gewöhnlicher Perspektive ist es weitgehend schon unsichtbar. Zu sehen und zu erleben gibt es aber eine Überfülle.

 

 

Brno
Der zentrale Busbahnhof von Brno ist eine ingenieurstechnische Großtat. Eine gewaltige Dachkonstruktion dient als groß dimensionierter Busparkplatz. Der Komfort für die Reisenden jedoch ist mit der Dimension des Bauwerks nicht zu vergleichen. Offensichtlich wurde dieses für die Busse gebaut. Die Passagiere, die auf die Ankunft der Busse warten, drängen sich im tiefen Schatten der weiten Dachkonstruktion, auf schmalen Gehsteigen zwischen den sehr zahlreichen Fahrspuren.
In Brno gibt es noch einen zweiten, kleineren Busbahnhof – das ganze Gegenteil von dem ersten. Dessen leichte und offene Architektur fügt sich verhältnismäßig zurückhaltend in den städtischen Raum. Es herrscht ein reges Ankommen und Gehen. So ist wohl dieser viel kleinere Busbahnhof der wesentlich bedeutendere. Und irgendwie passte es ganz gut zum Gesamteindruck, dass die Busankünfte und Abfahrten hier nicht über eine installierte Lautsprecheranlage, sondern von einem auf der Straße stehenden Mitarbeiter beherzt per Megaphon angekündet wurden.

 

 

 

Kiev
In Kiev sind Busse allgegenwärtig. Überwiegend sind es kleine Busse mit etwa 15 Sitzplätzen und zusätzlich mindestens dreimal so vielen Stehplätzen. Man steigt ein und zahlt direkt beim Fahrer in bar. Da aber die Busse meist so voll sind, dass man unmöglich selbst zum Fahrer gelangen kann, wird das Geld von den Mitfahrenden einfach nach vorne durchgereicht. So wandern während der Fahrt permanent Geldscheine von hinten nach vorne und von vorne nach hinten.
Selten floss mir so ständig Geld durch die Finger, wie während dieser Fahrten.

 

 

Paris
Der Busbahnhof von Paris ist von Außen nicht sichtbar. Fuhr der Bus gerade eben noch auf der Périphérique, so steht er nun plötzlich in einer geschlossenen Parkgarage für Busse. Verlassen kann man dieses Bauwerk nur mit der Metro oder durch lange, verwinkelte Metrozugänge. Integriert in ein komplexes Konglomerat aus Shopingcenter, Parkgaragen, Autobahnabfahrten und Metrozugängen ist dessen Architektur nur von Innen heraus erfahrbar. Es bleibt ein nachhaltiges Erlebnis allerdings.
Die Ingeneure verwirklichten die Funktion des Umsteigens. Die Ankunft in Paris? – dies müssen die Reisenden an einem anderen Orten vollziehen.

 

 

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© Alle Fotos: Bertram Weisshaar, 2009, 2011.
Das Projekt wurde (2009) gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.
Die Deutsche Touring GmbH (Eurolines Germany) half mit einem Sponsoring die Fahrtkosten zu reduzieren (2009).

GO BY BUS is a photographic research focussing on the european bus network as well as its coach stations. Unlike other international traffic networks one hardly comes accross glamour. Bus stations sometimes even shape awkward situations. Now and then they appear like urban outskirts even though they are geographicly based near the center of a city. And still – these places seem to be very close to the every day life of each particular country. This photographic study by Bertram Weisshaar tends to focus on this special edificial type.
It also points on characteristic pictures of landscapes wich a bus journey gives us. The way we move through space influences the picture we get from it. The choice of using means of transport reduces our perception to the transport systems passage-ways. Thereby  perceptive faculty drops proportionally to speed. Cloudy scenes, snatched on the highway subsume in this sense contemporary landscape pictures.
A bus trip during the year 2009, enabled by a scholarship (grant by the CulturalFoundation of the Free State of Saxony) lead from Germany via Vienna, Budapest, Lviv, Kiev, Krakow, Warsaw to Paris… and marked the beginning of a long term period research. In the summer 2011 the journey was followed by a trip from Paris Gallieni to London Victoria Coach station. Currently Atelier Latent is building up a european network with architecture departements. In due time the researches will be released in form of a book and an exhibition.