Der Check : Fußgängerperspektive

 

Fußgänger sind wie Schafe

Hindernislauf

Hinter jedes noch so enge Absperr­gitter und auf noch so schmale Gehwege lassen sie sich duldsam drängen – die Fußgänger. Schafe blöken, wenn sie zu eng einge­pfercht werden. Fußgänger können noch nicht einmal das. Mehr noch: Sie bemerken nicht einmal, wie man sie gängelt, wie sie zurück­gedrängt werden, wie sie auf Schritt und Tritt von Lärm und Abgasen verfolgt werden. Sie sind nicht wie die anderen, die stets hellwach auf ihren Rechten beharren und dabei stets ihre Ellbogen­reflexe trainieren. Fußgänger können das einfach nicht. Kein Gedanke daran, keine Spur davon. Das macht sie sympathisch, regelrecht liebenswert. Man fühlt sich sehr wohl unter ihnen.

 

Das Gehen braucht FürsprecherHindernislauf

Die von Termin zu Termin eilenden Journalisten, ebenso die Dezernenten und Abteilungsleiter aus den Stadtverwaltungen, wie auch Stadträte und Politiker, sie alle werden getrieben von über­quellenden Termin­kalendern, benutzen daher fast notgedrungen das ihnen als am schnellsten erscheinende Verkehrsmittel – und erleben in der Konsequenz die Stadt weitgehend nur noch aus ihrem Auto heraus.
Amtliches GehwegparkenMan kann es wohl so weit vereinfachen:
Weil eben die Meinungs­­macher und Ent­scheidungs­­träger so sehr viel fahren, geht es mit dem Gehen in vielen Städten so schlecht, wird das Gehen nur selten ein öffentlich bedeutsames Thema. 
Zudem steht hinter den Fußgängern kein großer Markt – das Gehen verspricht keine Millionengewinne. Während die Automo­bil­wirtschaft jährlich in Milliardenhöhe Werbung betreibt, inszeniert keine Kampagne das Gehen als besonderen Lifestyle.

In den 1970er Jahren wurden in den deutschen Städten noch etwa 45 Prozent aller absolvierten Wege zu Fuß begangen – inzwischen ging dieser Anteil auf ungefähr 25 Prozent zurück. Doch das Blatt wendet sich. Immer mehr Kommunen und Städte erkennen die Trendwende und gestalten sie aktiv mit: Das Gehen erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Insbesondere in jenen Städten, die in der Stadt­entwicklung progressive Maßstäbe setzen, erhalten die Fußgänger eine besondere Wertschätzung, wird das Gehen als zentrale Stellschraube für eine lebens­werte Stadt in den Vordergrund gerückt. Der Fußverkehrs-Check ist hierbei eine hilfreiche und zugleich relativ einfache Methode, um zu behebende Missstände aufzuzeigen. 
 

Stadt aus Fußgängerperspektive

Die Benutzbarkeit der Stadt speziell aus der Perspektive der Fußgänger steht im Fokus von sogenannten Fußverkehrs-Checks (auch Audits genannt). Es handelt sich dabei zumeist um Momentaufnahmen, die ohne aufwendige Verkehrszählungen oder statistische Erhebungen auskommen. Eine einzelne Person oder eine Gruppe geht entlang von Straßen und Plätzen und beobachtet aufmerksam die Gegebenheiten und Qualitäten des öffentlichen Raumes – und achtet insbesondere auf Schwachstellen des Fußwegenetzes. Die aufgefundenen Missstände und Besonderheiten werden protokolliert und eventuell mit Fotos und mit Interviews von Passanten oder Anwohnern ergänzt. 

Am roten Band Atelier Latent führt seit Jahren derartige Checks durch (mehr­fach im Namen des Fach­verbands für Fuß­verkehr Deutsch­land; FUSS e.V.).
In Leipzig beispiels­weise konnte wiederholt Oberbürgermeister Burkhard Jung zu einem solchen Rundgang gewonnen werden. Neben vielen Mängeln wurde dabei auch eine gute Tat deutlich: Ein sanierter Gehweg wurde feierlich seiner Bestimmung übergeben (vgl. Foto; rechts vorheriger Zustand). Fast schon könnte man Ironie darin vermuten, werden doch von Politik und Verwaltung solch kleine Aufgaben häufig vernachlässigt – im Alltag der Menschen sind aber gerade diese tagtäglich ärgerliche Stolperfallen. Turnusmäßig wiederholte Fußverkehrs-Checks bringen solche vergessenen Ecken zurück auf die To-Do-Listen und sie sind wesentlicher Bestandteil einer Strategie für fußgängerfreundlichere Städte.

Weiterführende Informationen zu möglichen Formaten und methodischen Ansätzen finden sich auf den Internetseiten von FUSS e.V.walk-space.at und Fussverkehr Schweiz.