Der minimale Eingriff

Arche Calamagrostis, 1995 bis 1997, Tagebau Golpa-Nord

 

Die Landschaft entsteht im Kopf des Betrachters. Dies eröffnet eine »Strategie des minimalen Eingriffs«, wie sie auch von Bernhard Lassus formuliert wurde: „Derzeit bedeutet das Gestalten eines Ortes den Versuch, verschiedene Landschaften, die als arm, zurückgeblieben, unnütz, hässlich oder abgenutzt gelten, mittels gewichtiger äußerlicher Eingriffe durch eine moderne, neomoderne oder Pflanzen-Landschaft zu ersetzen. Oft wissen wir nicht in ausreichendem Maße, was diese Ersetzungen uns vielleicht für immer nehmen, im Verhältnis zu dem, was sie uns bringen. Ist das so indiskutabel? Wir haben uns nicht die Zeit genommen, den Ort, seine Düfte, seine Landschaften, seinen Kontext, seine Schichten zu erkunden oder gar zu erforschen. … Dennoch kann ein ganz sanfter, ja selbst der allerkleinste Eingriff, aus einer Anhäufung von Gegenständen, die bis dato lediglich als Unzusammenhängende gelesene wurden, Landschaften entstehen lassen, und dieser Eingriff würde dem Ort durch die Infragestellung der gewöhnlichen Lesart, eine neue Lesbarkeit geben. Da wir von dem Prinzip ausgehen, dass das Vorhandene nie eine tabula rasa ist, führt unser Ansatz, das Vorhandene wiederzuentdecken, dazu, unserer Eingriffe soweit wie möglich zu begrenzen.“ (Zwischen Schichtung und Tiefe, 1982)

In der Brache des Braunkohlentagebaus Golpa-Nord (nahe Dessau, Sa.-Anh.) konnte diese Strategie experimentell erprobt werden. So bestand beispielsweise der Garten “Arche Calamagrostis” (1995 von Bertram Weisshaar angelegt und bis 1997 weiterverfolgt) ausschließlich aus der vorgefundenen Vegetation. Allein durch das Markieren einer lesbaren Form und durch Harken war ein offener Garten entstanden, dessen Umgebung wichtiger Bestandteil des Gartenbildes war. Dieser Transitorischer Garten verdeutlichte die durch natürliche Sukzession und Erosionsprozesse entstandenen Besonderheiten dieser Landschaft, gab Lesehilfe, diente vergleichbar einem Notenschlüssel als Chiffre, mit Hilfe dessen dieses „Dreckloch“ als Landschaft lesbar wurde.

Kunst kann Landschaft auch mit einfachsten Handwerkszeugen entstehen lassen, wenn es ihr gelingt, die Landschaft in den Köpfen der Betrachter entstehen zu lassen. Spaziergänge, wie sie von Atelier Latent entwickelt werden, gehören auch zu diesen probaten Handwerkszeugen.

Die von 1995-99 im Tagebau Golda-Nord gestalteten Tagebauspaziergänge sind dokumentiert in einem Film von Edda Müller und Kerstin Hoppenhaus:

Die Entdeckung der Zwischenzeit / Spaziergangsforscher im Tagebau 

 

 

Der wandernde Garten, 1995 bis 1998, Tagebau Golpa-Nord

 

Der schwimmende Garten, 1996 bis 1999, Tagebau Golpa-Nord