Spaziergangsforschung
„Wir führen eine neue Wissenschaft ein: die Promenadologie oder Spaziergangswissenschaft […] Sie gründet sich auf die These, dass die Umwelt nicht wahrnehmbar sei, und wenn doch, dann auf Grund von Bildvorstellungen, die sich im Kopf des Beobachters bilden und schon gebildet haben. Der klassische Spaziergang geht vor die Mauern der Stadt, in die Hügel, an den See, auf die Klippen. Der Spaziergänger durchquert eine Reihe von Orten: die Parkplätze, eine Zone vorstädtischer Siedlungen, Fabriken, Müllplätze, Autobahnkreuzungen, aber auch Wiesen, Wälder, Flusstäler, Bauernhöfe. Am Schluss, nach Hause zurückgekehrt, erzählt der Spaziergänger, was er gesehen hat. Er beschreibt, wie es je nach der Stadt – von der er ausging und in die er zurückkehrte – im Schwarzwald aussieht, im Taunus, im Reinhardswald bei Kassel oder in den Vogesen bei Straßburg. Dabei beschreibt er keinen der durchquerten Orte, den Wald, das Flusstal, schon gar nicht die Fabrik oder den Müllplatz, sondern er beschreibt integrierte Landschaftsbilder. Der Basler Jura, der Thüringer Wald sind Konstrukte, die sich aus Lesefrüchten, geographischen Kenntnissen, Bildern und Prospekten gebildet haben und die während des Spazierganges abgerufen wurden. Sie haben es dem Spaziergänger erst ermöglicht, die Landschaft überhaupt wahrzunehmen. Die Spaziergangswissenschaft beschäftigt sich also mit diesen vorfabrizierten Vorstellungen und mit dem, was von der Wirklichkeit wegfällt, wenn das Gesehene an dieses Bild angepasst wird. Lucius Burckhardt, 1994.
Der Soziologe und Planungstheoretiker Lucius Burckhardt hat die Spaziergangswissenschaft in den 1980er Jahren an der Universität Kassel ins Leben gerufen. Diese kann auch heute noch einen überraschend aktuellen Beitrag zur öffentlichen Planungs- und Städtebaudebatte liefern. „Baukultur umfasst gutes Planen und Bauen und das Reden darüber.“(Initiative Architektur und Baukultur) Die Spaziergangwissenschaft bringt das Reden über Baukultur an konkrete Orte. Wer einen umfassenden Einblick in den von Burckhardt aufgefächerten Gedankenkosmos erhalten möchte findet diesen in den beiden Bände „Wer plant die Planung?“ und „Warum ist Landschaft schön?” (erschienen bei Martin Schmitz Verlag). Diese versammeln Texte, die in einem Zeitraum von mehr aus 40 Jahren verfasst wurden und heute eine überraschende Nachfrage erfahren. Die von Burckhardt entwickelte „Stadtplanungskritik führt die Leserin, den Leser von heute zu der Frage: Haben wir seit 1970 eigentlich etwas gelernt? Repetieren wir die Fehler immer weiter? Oder haben wir, haben die Planer die Stadt inzwischen als System begriffen, mindestens ein Stück weit, und beginnen, entsprechend anders mit ihr umzugehen? Mit dieser Frage im Hinterkopf wird die Lektüre der »alten« Texte immer spannender.“ (Rudolf Schilling) Selbstredend – die Problemlagen haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert und werden heute auch anders diskutiert, ebenso haben auch andere Autoren relevante Schriften veröffentlicht, und dennoch blieben viele von Burckhardts Gedankengänge überraschend zeitlos.
Seit 1996 verfolgt Bertram Weisshaar in der Rolle als Spaziergangsforscher die Praxis der Spaziergangswissenschaft außerhalb der Universitäten. Den Anfang markierten die öffentlichen Spaziergänge durch den für Unbefugte ansonsten unbetretbaren Tagebau Golpa-Nord. Die Versuchsanordnung lautete: Würde es gelingen, das als Landschaftsschaden und „Restloch“ gebrandmarkte Areal als eine Landschaft ganz eigenen Typs zu erschließen? Mehrere Tausend Spaziergänger erlebten dieses 680 ha große »Betriebsgelände« als faszinierende Landschaft, bevor diese 1999 durch Flutung zerstört wurde.
Die Internationale Bauausstellung Fürst Pückler Land übernahm das Konzept, mittels gestalteter Spaziergänge Landschaft lesbar werden zu lassen. So ist »Tagebau« nicht länger nur eine Kategorie der Umweltwahrnehmung, sondern wird längst auch wahrgenommen als ein eigener Landschafts-Typus.
Urbane Landschaften, Verkehrsinfrastrukturen und städtische Räume sind das weite Untersuchungsfeld der Spaziergangsforschung. Als Zone für einen must-have-seen-Spaziergang entdeckte Atelier Latent beispielsweise die Autobahnraststätte Avus (Berlin) und deren Nachbarschaften bis zum nahen Kurfürstendamm und veröffentlichte diesen zeitgemäß als GPS-Spaziergang.



